Wenn die Elite wegläuft

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Aseel al-Nasser findet einfach keinen Job. Das Problem der jungen Jordanierin: Ihre Ausbildung ist zu gut. Mit ihrem Studium an der German-Jordanian University (GJU) und einem Master in Furtwangen hat Aseel eigentlich einen Vorzeigelebenslauf. „Den Master in Furtwangen habe ich damals extra gemacht, um meine Jobchancen später zu verbessern“, sagt Aseel. Fünf Monate nach ihrem Masterabschluss ist genau das Gegenteil der Fall. „Ich glaube, manche Firmen lehnen mich ab, weil ich ihnen zu überqualifiziert bin. Sie wollen lieber Bachelor-Studenten mit weniger Erfahrung“, sagt sie. Ihre Zukunft sieht Aseel deswegen in Deutschland – und ist damit unter den GJU-Studenten nicht allein: „Fast alle meine Freunde wollen nach dem Studium in Deutschland arbeiten.“

Zu gut für den jordanischen Markt – Aseel al-Nasser ist seit fünf Monaten auf Jobsuche

Fast jeden dritten Absolventen zieht es nach dem Studium ins Ausland. Denn die jordanische Wirtschaft ist geschwächt, der Markt ist klein, fast jeder fünfte Jordanier ist arbeitslos. Als einzige Universität mit Fachhochschul-Programm setzt die German-Jordanian University neben dem interkulturellen deutsch-jordanischen Austausch gerade dort an und bereitet junge Jordanier durch praxisnahe Bildung intensiver auf den Arbeitsmarkt vor – und eröffnet vielen damit bessere Jobchancen. Seit zehn Jahren gilt das Programm als Erfolgsmodell und wird vom Bundeswissenschaftsministerium, dem DAAD, der GIZ und dem jordanischen Wirtschaftsministerium gefördert.

Auch Aseel studierte von 2009 bis 2014 an der GJU Biomedical Engineering. Nach dem Bachelor und einem Auslandsjahr in Lübeck entschied sich die 25-Jährige, einen Master in Furtwangen anzuhängen. „Die Zeit in Deutschland hat mich menschlich sehr verändert“, sagt Aseel. Vor allem im Master habe sie viel praktisch und vor allem selbstständig gearbeitet.

Risiko vom abwandernden Nachwuchs 

Im theorielastigen Uni-System kommt die GJU mit ihrer Nähe zur praktischen Arbeit und einem Auslandsjahr in Deutschland gut an. Nach Angaben von Muneer Baniyounis, dem Direktor der Abteilung für Public Relations und Marketing, zeigten jüngste Umfragen, dass neun von zehn Absolventen gleich nach dem Abschluss einen Job finden. Jedoch nicht immer in ihrem Heimatland. Auch Aseel ist davon betroffen. „In Jordanien laden sie mich nicht einmal zum Bewerbungsgespräch ein“, sagt sie. In Deutschland stünden die Aussichten auf eine Anstellung allerdings besser, denn hier könne man ihre Fähigkeiten einschätzen. Viele Studenten reizen außerdem die gut bezahlten Positionen und die günstigeren Miet- und Lebenshaltungskosten. „Zurück in Jordanien hatte ich geradezu einen umgekehrten Kultur-Schock“, bestätigt Aseel.

Nach ihren Erfahrungen im Auslandsjahr würden viele GJU-Studenten Deutschland ihrem Heimatland vorziehen, sagt Fakher Daas, Präsident von „Thabatoona“, der Nationalen Kampagne zur Vertretung von Studenten-Rechten. Die Wahrnehmung vom Leben in Deutschland sei bei vielen Studenten aber verzerrt.

So lautet das Feedback vieler GJU-Studenten, dass die Gehälter schon im Praktikum höher seien als in Jordanien. Gleichzeitig seien die Kosten wie Miet- und Lebensmittelpreise aber niedriger. Das vermeintlich günstigere Jahr in Deutschland, das aus einem Auslandssemester und einem sechsmonatigen Praktikum besteht, kostet sie und ihre Familien allerdings 10.000 Jordanische Dinar (knapp 12.000 Euro). Die finanziellen Vorteile in Deutschland sind deshalb eher eine gefühlte Wahrheit.

Fakher Daas, Präsident der jordanischen Studentenbewegung Thabatoona

Einige Studiengänge würden damit beworben, dass deren Absolventen im Ausland dringend gesucht würden, erklärt Fakher Daas. Besonders gefragte Studiengänge sind für viele junge Jordanier daher schon von Anfang an mit dem Gefühl von Jobsicherheit verknüpft – auch wenn das eigene Studienfach im eigenen Land keine Jobs in Aussicht stellt. Gerade westliche Industrieländer versuchen auf diese Weise, Lücken im Arbeitsmarkt zu füllen und gezielt ausländische Nachwuchskräfte anzuwerben. „Eine Universität vor Ort erleichtert den Kontakt zu Studenten aus dem Ausland umso mehr“, sagt Daas. Den kooperativen Gedanken der German-Jordanian University als Win-Win-Situation für beide Staaten sieht Daas daher kritisch.

Wenn das Studium zur Investition wird

Die hohen Kosten für internationale Studiengänge in Jordanien verstärken zudem die Voraussetzungen für eine Klassengesellschaft, meint Fakher Daas. Bildung ist so eine Frage der Familienkasse. Wer an eine Top-Uni will, der hat auch die nötigen Jordanischen Dinar, um Nachhilfe- und Weiterbildungskurse, die ein oder andere Sommerakademie und weitere Bildungsangebote für den eigenen Erfolg zu bezahlen. Das können nur wohlhabendere Familien sicherstellen.

Auch an der GJU fallen hohe Studiengebühren an

Das gilt auch für die German Jordanian University. Zwar vergibt die Universität Stipendien und eröffnet damit vielen weniger privilegierten Studenten Chancen auf eine hervorragende Ausbildung, aber für reguläre Studenten ohne Stipendium hat die intensive und umfassende Ausbildung aus Theorie, Praxis und Deutschkenntnissen ihren Preis: Je nach Studienfach kostet eine Semesterwochenstunde zwischen 80 und 130 Jordanische Dinar (zwischen 95 und 155 Euro), dazu kommen pro Semester die Registrierungsgebühren von 550 Jordanischen Dinar (ca. 654 Euro). Aus dieser Rechnung ausgeschlossen sind Vertiefungs- und Zusatzkurse, die für einige Studenten dazu kommen.

Auch Aseels Familie kennt die hohen Kosten, die ein Studium an einer Top-Universität mit sich bringt: Aseel und ihr älterer Bruder sind GJU-Absolventen, ihre Schwester studiert noch. Ihr jüngster Bruder überlegt dagegen, sein Studium vollständig in Deutschland zu absolvieren – denn das wäre günstiger, als in Amman an der GJU zu bleiben. „Rückwirkend denke ich auch, dass ein Studium in Deutschland günstiger gewesen wäre, weil dort die Studiengebühren wegfallen“, sagt sie.

„Brain Drain“ – Ein jordanisches Phänomen?

Das Zusammenspiel von Anreizen im Ausland und den Nachteilen im Heimatland verstärke im Falle jordanischer Studenten daher das Risiko zur Abwanderung gut ausgebildeter Jordanier, bestätigt auch Dr. Mohammad Abughazleh, ehemaliger Abteilungsleiter im Bildungsministerium Jordaniens.

Dr. Mohammad Abughazleh sieht die GJU als Vorbild, das Jordanien für seinen Markt anpassen sollte

Trotz der hohen Abwanderungszahlen sieht er die GJU als Vorbild für die anderen jordanischen Hochschulen. „Sie sollten überlegen, ihre Programme an die German-Jordan University anzupassen“, so Abughazleh. Dazu gehört vor allem das Übernehmen einer praxisnahen Ausbildung, möglicherweise in Kooperation mit jordanischen Unternehmen. Gerade die Ingenieurwissenschaften seien dafür ein gutes Beispiel, ihr guter Ruf sei auch über die Landesgrenzen bekannt.

Gleichzeitig sei die Politik in der Pflicht, den Nutzen von Bildungs- und Wirtschaftsprogrammen abzuwägen und alternative Anreize für junge Arbeitskräfte zu schaffen. „Es bedarf nationaler Anstrengung, sicherzustellen, dass kompetente Fachkräfte nicht auswandern“, so Abughazle.

Die Abwanderung von Nachwuchskräften, der sogenannte „Brain Drain“, entwickelt sich dabei zum landesweiten Trend, mit steigender Tendenz. „Auch Studenten anderer Universitäten zieht es ins Ausland. Außerdem gibt es aus den USA oder Großbritannien viele Angebote und Stipendien für Studenten und künftige Fachkräfte,“ schildert Daas. Auch eine Chinesisch-Jordanische Universität sei bereits in der Diskussion.

Aseel ist vorerst weiterhin auf Jobsuche in Jordanien. Sobald sich die Chance bietet, will sie aber wieder zurück nach Deutschland.

Christiane Kreder studiert im Master Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und hat ihren Themenschwerpunkt im Nahen Osten. Neben der Arbeit als freie Journalistin unter anderem für BILD.de und Orange, das Jugendform des Handelsblattes, reist sie so oft in den Nahen Osten.

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