Nach mir die Dürre

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Bis zum Horizont nichts als gelber Sandstein, ein paar verlassene Lehmhütten – das ist alles, was neben der Landstraße Richtung Azraq zu sehen ist. Kaum Anzeichen von Zivilisation, einmal abgesehen von den Autos und Lastern, die die weite Staublandschaft durchqueren. Der Weg in den Norden Jordaniens führt durch kilometerweite Wüstenlandschaft. Vergeblich sucht das Auge einen Tropfen Flüssigkeit, hier, in der Wüste von einem der zehn wasserärmsten Länder der Welt. Die Luft flimmert von der Hitze und vom Staub.
Azraq mit knapp 15.000 Einwohnern erscheint kaum mehr zu sein als eine Straße und ein paar Häuser, die sich dahinter verstecken. Niemand würde erahnen, dass aus dieser Wüste große Mengen Wasser nach ganz Jordanien gepumpt werden. Noch weniger lässt sich erkennen, dass noch vor wenigen Jahren ein riesiges ökologisches Reservat den Ortsrand von Azraq schmückte.

In einer der Seitengassen von Azraq lebt Ghassan Sa’eed. 28 Jahre lang hat er bei der lokalen Wasserbehörde gearbeitet und weiß, wie das Abpumpen von Wasser die Region beeinflusst hat. Im Jahr 1951 begann es – erst Richtung Irbid und Mafraq, später nach Amman: „Der Zuzug von Immigranten hat das Wasserproblem in Jordanien akuter gemacht. Azraq war da eine der wenigen Quellen, auf die Verlass war. Und es war günstig, da unser Wasser nicht so weit von Amman weg liegt.“ Mit einer Übernutzung von 240 Prozent ist Azraq der am zweitstärksten genutzte Grundwasserleiter des Landes.

Die Oase von Azraq im Vergleich der 60er und heute

20 Brunnen entstanden mit der Zeit in Azraq. Und obwohl bereits in den 80er Jahren ein rasanter Fall des Grundwassers zu verzeichnen war, ging die Wassernutzung weiter, berichtet Ghassan Sa’eed. Beim Erzählen gestikuliert der kleine Mann aufgeregt und deutet die Wasserstände mit seinen Händen an. Sein Gesicht ist bereits von Falten gezeichnet. Eigentlich strahlt er die Ruhe eines alten Mannes aus – aber beim Thema Wasser packt den Jordanier das Temperament. „Früher war das Azraq-Reservat wie ein Teil des Himmels“, erzählt Ghassan mit einem traurigen Lächeln. Wasserleitungen nach Amman und in andere Städte, falsches Wassermanagement und Wasserraub durch illegale Brunnen haben der Region diese Oase genommen. Im Jahr 1991 wurden noch 39 Millionen Kubikmeter (mcm) nach Amman und in die Umgebung Azraqs gepumpt. Das entspricht etwa 15.000 gefüllten Olympischen Schwimmbecken. Wenig später versiegten die Quellen der Azraq-Oase.

Der Kampf um ein Stück des Himmels

Etwa zehn Minuten von Ghassan Sa’eeds Haus entfernt befindet sich das, was vom „Teil des Himmels“ noch übrig ist: ein Fleckchen Grün, das sich mit Tümpel, Schilf und Vegetation wie eine Fata Morgana aus der Wüste erhebt. Mühsam versucht die Royal Society of Conservation of Nature (RSCN), die Oase wiederherzustellen. Durch die Nutzung von circa 1,5 mcm/Jahr Grundwasser gelang das bisher mit circa 10 Prozent der ursprünglichen 12 Quadratkilometer.
Ein Zustand wie aus vergangenen Zeiten sei allerdings unmöglich herstellbar, meint Moard, einer der Mitarbeiter von RSCN beim Reservat: „Vor 30 Jahren sah das alles hier komplett anders aus. Es gab eine riesige Artenvielfalt. Insbesondere für Vögel war es der perfekte Standort.“ Der Wandel sei immens: Waren 1972 noch 347.000 Vögel in der Oase von Azraq, zählt man im Jahr 2000 nur noch 1200.

Trotzdem scheint Moard zu akzeptieren, dass weiter Grundwasser aus Azraq gepumpt wird. Er schaut nur ein wenig hilflos drein,  wenn er der Realität ins Auge sieht: „Was können wir machen? Die Menschen müssen etwas trinken – und wenn es keine weiteren Quellen gibt, dann ist das eben so.“ Wütend macht Moard allerdings die Nutzung von illegalen Brunnen.  Offiziellen Schätzungen zufolge gibt es allein in Azraq 500 illegale Brunnen. Moard denkt, es könnten sogar an die 2000 sein: „Für die Regierung ist es sehr schwer, etwas gegen diese Brunnen zu tun. Man kann sie kaum finden, schließlich werden sie geschickt versteckt.“

Die Lage spitzt sich zu

Wie schlimm es um den Zustand von Jordaniens Wasserressourcen wirklich steht, ist umstritten – doch die Prognosen für die Zukunft sind nicht gerade rosig. Laut einer Studie von USAID ist die verfügbare Wasserversorgung pro Kopf von 1946 von 3600 m3/Jahr auf 145 m3/Jahr im Jahr 2008 gesunken. Ohne das Ergreifen von Maßnahmen rechnen sie mit einem Wert von 90 m3/Jahr im Jahr 2020. In Deutschland liegt der Wert bei rund 1825 m3/Jahr. Der jüngste Populationsanstieg durch den Krieg in Syrien setzt die Bevölkerung zusätzlich unter Druck. Ging man in den Planungen vor dem Krieg noch davon aus, dass Jordaniens Bevölkerung bis 2022 auf neun Millionen Einwohner ansteigen wird, ist diese Zahl bereits jetzt überschritten.

Ein Problem für das jordanische Wassermanagement ist daher auch ein Mangel an verlässlichen Daten: Es gibt zwar zahlreiche Studien zur Wassersituation, doch ihre Repräsentativität ist umstritten. Durch eine Kooperation der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) mit dem jordanischen Ministerium für Wasser und Bewässerung (MWI) soll diesem Mangel an Daten entgegen gewirkt werden. Die BGR mit Hauptsitz in Hannover hat dafür sechs Mitarbeiter nach Amman geschickt. Finanziert wird die Arbeit durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit. In einem groß angelegten Monitoringprojekt zu den Grundwasserressourcen werden Daten aus ganz Jordanien gesammelt. Ziel ist das Erstellen einer landesweiten Studie, die die verfügbaren Grundwasserressourcen und deren Veränderung in den letzten Jahrzehnten untersuchen und das Modellieren von Zukunftsszenarien möglich machen soll. Mit einem Grundwassermodell können die zuständigen Behörden so überprüfen, welche Konsequenzen auf die angedachten Strategien folgen würden.

Daten als Anstoß zur Politik

Eine derartige Datenrecherche ist mühsam. In der prallen Mittagshitze sind Klaus Holzner und Muhannad Hani in Zarqa auf Feldrecherche unterwegs. Das bedeutet: Brunnen um Brunnen fahren sie an, um die automatischen Messdaten zu überprüfen, die per Funksignal vom Brunnen an das Ministerium gesendet werden. Rund 120 Brunnen warten in Jordanien auf diese Überprüfung.

Klaus Holzner und Muhannad Hani bei einer Brunnenmessung in Zarqa

Inmitten des Nirgendwo sind die Brunnen als blaue brusthohe Kästen für einen Laien kaum zu erkennen. Muhannad aber, der seit sieben Jahren beim Ministerium für Wasser und Bewässerung arbeitet, ist ortskundig und weiß, wo er sie finden kann. Die größte Schwierigkeit ist dann, am Bund mit 120 Brunnenschlüsseln den richtigen zu finden. Ist der sperrige Eisendeckel des Brunnens erst einmal geöffnet, ist für Klaus und Muhannad alles weitere Routine: Zuerst wird die Sonde zur Messung des Wasserstandes, der elektrischen Leitfähigkeit und Temperatur in den Brunnen gelassen, anschließend gibt ein Lot Auskunft über die Tiefe des Brunnens. All das liefert Indikatoren für die Quantität, Qualität, Herkunft und Veränderung des Wassers, die für die weitere Planung wichtig sein können. Die Kommunikation der beiden Forschenden funktioniert in einem Mix aus Englisch und Arabisch – doch eigentlich scheint die Zusammenarbeit der beiden auch ohne große Worte zu klappen. Ein Handgriff nach dem nächsten wird durchgeführt. Und am Schluss heißt es „Khalas“ – es kann weiter gehen.

Bereits in den 90er Jahren hat die jordanische Wasserbehörde in Zusammenarbeit mit der BGR eine derartige Studie durchgeführt. Allerdings muss dringend untersucht werden, wie sich die Grundwasserreserven in den letzten 25 Jahren entwickelt haben, meint Klaus Holzner. Deswegen besteht auch heute noch viel Handlungsbedarf im Management von Grundwasser: „In unserer Beraterrolle können wir die meist eher langsamen institutionellen Veränderungen nur anstoßen. Und der beste Anstoß für Veränderung sind Daten.“ Wie auf der Grundlage von diesen Daten dann Politik gemacht wird, das findet Klaus Holzner besonders spannend: Das können aber nur die Jordanier mit ihrer Kenntnis über die sozialen Strukturen und Mechanismen in ihrem Land umsetzen, findet er.

Leichter gesagt als getan

Mit den Ideen des Ministeriums aus dem jüngsten Plan des Ministeriums für Wasser und Bewässerung, der „National Water Strategy of Jordan 2016-2025“, ist Klaus Holzner zufrieden. Nutzung alternativer Quellen, Entsalzung von Wasser, Strafen für illegale Brunnen, Trinkwasserzonen und ähnliches: „Die Strategien sind gut. Nur diese Strategien in der Realität umzusetzen – dort liegt das Problem. “
Auch Modalem Saidan, Leiter des „Water, Energy and Environment Center“ der Jordan University, ist pessimistisch, ob die Pläne umgesetzt werden: „Selbst wenn wir Strategien entwickeln, unsere Wirtschaft ist nicht stark genug, um sie umzusetzen. Uns fehlt das Geld“, sagt er. Außerdem hält er es für extrem schwierig, Wasserszenarien für die Zukunft zu modellieren: „Seit 1970 ist Jordanien konstant im Zentrum von Krisen und ist enormem Bevölkerungszuzug ausgesetzt. Die Entwicklung Jordaniens geschieht nicht nach einer normalen Logik. Da ist es unmöglich, eine Strategie zu machen.“

Klaus Holzner und Muhanned Hani lassen sich davon trotzdem nicht abbringen. Das MWI will mit der Unterstützung der BGR aktuelle Informationen zur Situation der Wasserressourcen in einem hydrologischen Jahrbuch veröffentlichen. Auch ein wichtiger Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung, findet Holzner. Denn der wenig bewusste Umgang mit Wasser und die mangelnde Zahlungsmoral seien ein weiteres Problem im Wassersektor Jordaniens.
Modalem Saidan aber hat wenig Hoffnung: „Seit 1998 gibt es ständig Kampagnen zum bewussten Umgang mit Wasser, aber in der Gesellschaft verändert sich nichts“, sagt er. „Solange Wasser subventioniert wird, wird sich der Umgang damit nicht ändern.“ Denn die normale wirtschaftliche Logik von Angebot und Nachfrage geht im Fall der Wasserknappheit in Jordanien nicht auf: Trinkwasser bleibt günstig für die Verbraucher. Das Hauptargument: Trinkwasser müsse für jeden zugänglich sein. Fragt sich nur, wie lange das in Jordanien noch möglich sein wird, wenn die Wasserressourcen konstant übernutzt werden.

Marlene Resch studiert Soziologie und Politikwissenschaft in Freiburg. Sie schreibt für die Badische Zeitung und das deutsch-türkische Onlinemagazin MAVIBLAU. Sowohl im Studium als auch auf ihren Reisen fasziniert sie die Region des Nahen Ostens und die Türkei.

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