„Ich hasse nicht mehr“

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Für Salem (Name geändert) war der 11. September 2001 ein guter Tag. Osama Bin Laden war sein Held, weil er die Ungläubigen bestrafte. Da war der Jordanier gerade einmal fünf Jahre alt. Als ein Freund der Familie den Terror kritisierte, schlug der kleine Salem ihm mit der Faust ins Gesicht. Wenn er das heute erzählt, ist es ihm peinlich, er will sich verteidigen. „Ich war ein kleiner Junge.“ Nervös fährt er mit der rechten Hand durch sein schwarzes Haar und rutscht auf dem quietschenden Holzstuhl vor und zurück.

Es ist kein ganzes Jahr her, da tötete ein Islamist auf dem Berliner Breitscheidplatz zwölf Menschen. Die ganze Welt redete darüber. Das machte Salem wütend. „Hier sterben ja auch viele, sogar jeden Tag, aber keinen interessiert es“, dachte er. Salem sympathisierte mit dem islamistischen Terror in Europa.

Plötzlich hört er auf zu reden, starrt aus dem Café auf die vollen und lauten Straßen Ammans. Dann sagt er mit entschlossener Stimme: „Ich hasse nicht mehr den Westen“. Jetzt hasst er den Hass der Islamisten. „Ruwwad“, eine jordanische Nichtregierungsorganisation, habe sein Leben verändert, ihm die Augen geöffnet, sagt Salem.

Das Land, aus dem die meisten IS-Kämpfer kommen

Mehr als 4 000 Jordanier haben in den letzten vier Jahren ihre Heimat verlassen, um sich dem Islamischen Staat (IS) anzuschließen. Aus dem Land kommen weltweit die meisten IS-Kämpfer, anteilig zur Bevölkerung. Es sind vor allem junge Jordanier, die Mitglieder der Terrororganisation werden. Das geht aus Erhebungen mehrerer Forschungsinstitute hervor. Die Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist eines der größten Probleme des kleinen Landes.

Warum sympathisieren hier so viele Menschen mit dem IS? „Oft sind es ganz banale Dinge“, sagt Alethea Osborn, die für das jordanische „West Asia – North Africa Institute“ (WANA) zu den Gründen der Radikalisierung forscht. Viele junge Menschen wünschten sich eine Beziehung, sie wollten Zuneigung, auch Sex, aber die Kultur ließe es nicht zu. Eine Hochzeit könnten sich nur die wenigsten leisten, viele geben dafür mehrere Jahresgehälter aus. Die Arbeitslosenquote ist in den letzten zehn Jahren kontinuierlich angestiegen, 2016 hatten 37 Prozent der Jordanier unter 24 Jahren keine Arbeit. Und diejenigen mit Arbeit verdienen oft schlecht, viele sind für ihre Beschäftigung überqualifiziert. Trotz Uni-Abschluss müssen viele Taxi fahren oder kellnern. Das frustriere, die Jugendlichen fühlten sich wertlos, sagt Alethea Osborn. Islamistische Gruppen würden ihnen die Anerkennung geben, die sie brauchen.

Der Gestank ist beißend, auf dem Boden liegen Fäkalien, vier Kinder kicken barfuß eine Pepsi-Dose. Hier im Osten Ammans kann man die Armut und die Verzweiflung der Menschen spüren. Salem stellt sich auf eine kleine Erhöhung, schaut auf die hohen Luxus-Hotels im Westen, die man von dort sehen kann. Einer seiner beiden Freunde, die mit ihm hier sind, sagt: „Denen geht es gut!“ „Das ist nicht das echte Amman, hier ist das echte Amman“, erwidert Salem. Der gut gekleidete Jordanier mit Dreitagebart lächelt viel, scherzt. Wenn es aber um den Zustand seines Landes geht, wird er oft bitterernst.

Arbeitslosigkeit, Armut, Verzweiflung: Im Osten Ammans radikalisieren sich junge Jordanier

Die Jungs laufen einen kleinen Hügel hoch, vorbei an heruntergekommenen Häusern, an denen der Putz von der Wand fällt. Salem erzählt von einem Bekannten, der sich dem IS angeschlossen hat, er lebte hier in der Nachbarschaft. Ein paar Meter weiter oben auf dem Hügel biegen die Jungs in eine enge Gasse, links und rechts sind jeweils vier überfüllte Mülleimer, am Boden liegen schmutzige Plastiktüten. Am Ende der dunklen Gasse ist ein helles, weißes Tor, Salem zieht es auf. Und plötzlich ist man in einer anderen Welt. Blumenduft, alles ist sauber, rein. Der Gebetsruf, der draußen bedrohlich wirkte, stiftet drinnen eine friedliche Atmosphäre. Eine hübsche Frau, etwa so alt wie die Jungs, grüßt mit einem herzlichen Lachen. Auf ihrer Stirn sind weiße Farbkleckse. Sie erzählt, dass sie gerade vom Malen mit Kindern kommt. Mit Stolz sagt sie das: „Wir helfen den Kindern, weil es keiner sonst macht.“

Islamisten geben den Jugendlichen die Anerkennung, die sie brauchen

Sie arbeitet für „Ruwwad“, eine jordanische Nichtregierungsorganisation, die sich um Kinder in benachteiligten Gegenden kümmert. Das soll der Radikalisierung vorbeugen. Vor zwei Jahren war Salem das erste Mal hier. Ihm hat es gefallen, vor allem die Gesprächsrunden, die hier jeden Samstag stattfinden. „Bevor ich hierher gekommen bin, kannte ich nur eine Meinung.“ Den Hass auf den Westen. Dann traf er bei „Ruwwad“ auf Menschen wie Rima Yacoub. Sie arbeitet für die Organisation seit zwei Jahren, erst ehrenamtlich als Jiu-Jitsu-Trainerin, seit vergangenem Jahr als regionale Kommunikationschefin. Mit ihr sprach Salem über sich, seine radikalen Meinungen, seine Erlebnisse. „Fremdenfeindliche islamistische Ideen ziehen vor allem bei den Jugendlichen, die keine Anerkennung bekommen“, sagt die 33-Jährige, die an der deutsch-jordanischen Universität studiert hat. Es brauche in der Gesellschaft einen breiten Dialog über das Thema Radikalisierung.

Dafür wurde vor einem Jahr das „Counter Violent Extremism Project“ von der Europäischen Union (EU) in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ins Leben gerufen. 4,5 Millionen Euro steckt die EU in das Projekt, die GIZ führt es durch. In Kooperation mit verschiedenen Ministerien entwickelt sie Programme, um Extremismus und Radikalisierung vorzubeugen. Zum Beispiel mit dem Bildungsministerium: Lehrer sollen in Workshops erkennen lernen, wann ein Schüler radikal wird. Mit dem Innenministerium sind vor ein paar Monaten mehrere jordanische Polizisten nach Deutschland gereist, um zu sehen, wie Deutschland mit Islamisten umgeht. Außerdem kooperiert die GIZ mit dem WANA-Forschungsinstitut, für das auch die Schottin Alethea Osborn arbeitet. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse übermittelt die GIZ den verschiedenen Ministerien, die dann in Eigenregie entscheiden, ob und welche Schlussfolgerungen sie ziehen.

Das GIZ-Projekt soll Menschen wie Salem erreichen und ihre Radikalisierung verhindern. Seine Geschichte macht Hoffnung. Der 21-Jährige studiert mittlerweile an einer Universität in der Nähe Ammans Ingenieurswesen. „Ich kann mir vorstellen, irgendwann in Europa zu leben“, sagt er. Vor einigen Monaten hätte er sich für diesen Satz noch gehasst.

Miguel Helm, 22, hat in Konstanz und London Politik-und Verwaltungswissenschaft studiert. Schon zu Schulzeiten für die Stadtredaktion der Badischen Zeitung als Reporter unterwegs, danach in der Hauptstadt für den Rundfunk Berlin-Brandenburg und den Bayerischen Rundfunk im ARD-Hauptstadtstudio. Zuletzt hat er für das Politik-Ressort von SZ.de geschrieben.

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