Die Deutschen sind da

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Al-Azraq, ein Nest im Nahen Osten, scheinbar wie so viele andere. Knapp 15.000 Einwohner, sechs Moscheen, ein Supermarkt mit Spirituosenregal und zwei Bars, bis ein Uhr geöffnet. Aus der jordanischen Hauptstadt Amman dauert die Autofahrt durch die Wüste zwei Stunden. Das Thermometer zeigt 30 Grad im Oktober. Al-Azraq, ein Nest im Nahen Osten, über das vermutlich niemand schreiben würde, wenn es nicht die Hoffnung der deutschen Außenpolitik wäre.

Fünf Kilometer vor der Stadt beginnt ein neuer Abschnitt dieser deutschen Außenpolitik. Wer vorbeifährt, darf nicht langsam fahren – aus Sicherheitsgründen. NATO-Draht trennt die Al-Azraq-Luftwaffenbasis von der Wüste. Hinter einer Betonmauer, fern der Blicke der Stadtbewohner, sind jordanische und amerikanische Truppen stationiert – und seit Anfang Oktober auch die Bundeswehr.

Im Juni entschied der Deutsche Bundestag, das Kontingent der Mission „Counter Daesh“ vom türkischen Incirlik nach Al-Azraq zu verlegen, weil die Türkei deutschen Abgeordneten den Besuch verweigerte. Anfang Oktober bezogen 250 deutsche Soldaten, vier Tornado-Kampfjets und ein Tankflugzeug ihr Quartier in Al-Azraq.

Dass die Deutschen jetzt in der Stadt sind, haben in Al-Azraq bislang nur wenige gesehen. Die Soldaten verlassen die Basis nicht, laut Bundeswehr sind im Regelfall auch keine Ausflüge durch Al-Azraq geplant. Aber von den Deutschen haben schon viele gehört. Ihre Jets dröhnen beim Starten und Landen. Deutsche Piloten fliegen zur Aufklärung, zur Luftüberwachung oder zur Luftbetankung zu ihren Einsätzen über Syrien – Deutschlands Beitrag zur Internationalen Koalition im Kampf gegen die Terrororganisation ISIS.

In Al-Azraq gestaltet niemand die Weltpolitik, nicht der Bürgermeister, nicht die Geschäftsleute, nicht die Jugend.  Das weltpolitische Geschehen gestaltet den Ort. Die Stadt liegt an der Kreuzung der Überlandstraßen zwischen Syrien, dem Irak und Saudi-Arabien. Al-Azraq lebt vom Durchgangsverkehr, so gut es eben noch geht. An der Hauptstraße reihen sich Restaurants an Geschäfte, in denen nicht viel los ist.

Baha Alawar, 25, hat einen kleinen Laden von seinem Vater übernommen, der ihn vor zehn Jahren eröffnete. In Syrien war Frieden, der Shop machte 300 Jordanische Dinar Umsatz am Tag. Heute stapeln sich Tee- und Biskuit-Packungen im Laden, kaum 30 Dinar kommen am Tag in die Kasse. In den Urlaub nach Syrien fährt heute niemand mehr, die Grenze in den Irak, für vier Jahre geschlossen, öffnete erst Ende September wieder.

Angst, dass der Terror auch über die Grenzen hätte kommen können, als die Terroristen an Gelände gewannen, hatte Alawar nicht. Der Anti-Terror-Kampf findet über den Köpfen, nicht in den Köpfen der Bevölkerung statt. Alawar verabscheut die ISIS-Terroristen: „Was sie machen, ist nicht menschlich.“

Wenige Häuser weiter sitzt Hatem Alawar auf der Terrasse seines Restaurants Airyad, raucht am Nachmittag eine Wasserpfeife. „Amerikaner waren schon zum Essen hier, die Deutschen sind natürlich auch willkommen“, sagt der 47-Jährige. Auf der Karte stehen traditionelles Mansaf, Lamm mit Reis, für sieben Dinar, oder ein Kilo Kebab, für die ganze Stube, für 18 Dinar.

Der gleiche Nachname mit dem Händler ist kein Zufall. Die Hälfte der Bevölkerung in Al-Azraq sind Drusen, eine islamische Religionsgemeinschaft, die vor allem in Syrien und dem Libanon verbreitet ist, einige Clans leben seit Generationen in der Stadt. Zum Drusentum kann niemand konvertieren, die Religion wird vererbt. Deshalb dürfen Drusen auch nur andere Drusen heiraten.

Verwandt oder verschwägert zu sein schweißt den Ort zusammen. In den Shops arbeiten oft mehr Angestellte als nötig, weil sie zur Familie gehören. Einer räumt die Ware ein, einer putzt, und einer kassiert – auch wenn kaum Kunden kommen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 35 Prozent. Neben dem Durchgangsverkehr ist das Flüchtlingscamp mit 53.000 Einwohnern, 25 Kilometern entfernt, ein wichtiger Arbeitgeber.

Nur wenige Einheimische arbeiten in der Luftwaffenbasis, in Hilfsjobs. Die Bundeswehr plant derzeit nicht, lokale Kräfte einzustellen. Die Amerikaner beschäftigen immer wieder einzelne Bewohner. Zaid Al-Balous, 25, war einer von ihnen. Ein Jahr stand er hinter der Kasse im B.X., dem Shop für alle US-Soldaten.

„Ich habe die Basis als Nachteil für die Stadt gesehen, bis ich die Chance hatte, mit den Amerikanern zu arbeiten“, sagt Al-Balous. Der Austausch und die Fremdsprache haben seine Meinung geändert; sein englischer Akzent ist nicht Arabisch, sondern Amerikanisch. Heute arbeitet Al-Balous für eine norwegische Hilfsorganisation. Von den neuen Gästen aus Deutschland würde er sich mehr Aufmerksamkeit wünschen.

Bürgermeister Marwan Fayiz Iseed: ein Fan von Helmut Kohl.

Wenn jemand die Aufmerksamkeit der deutschen Nachbarn gehabt haben könnte, dann vermutlich der Bürgermeister von Al-Azraq. Marwan Fayiz Iseed, 56, empfängt in der Stadtverwaltung, dem einzigen roten gestrichenen Haus der Stadt. Was weiß er über das, was in der Basis passiert? Nicht mehr als jeder andere. Er erfährt es nur aus den Nachrichten. Vor dem Umzug der Deutschen hat niemand mit ihm gesprochen. „Wenn sie mich gefragt hätten, hätte ich aber zugestimmt“, sagt Iseed. „Allerdings bin als Bürgermeister ja nicht für Verteidigungspolitik zuständig.“

Was wünscht er sich von den Deutschen? „Ich hoffe, dass Deutschland durch den Einsatz auch in anderen Bereichen mehr mit Jordanien kooperiert.“ Seine persönliche Meinung zu dem Land? „Ich bin sehr von Helmut Kohl beeindruckt gewesen.“ Und Angela Merkel? „Ich finde ihre Flüchtlingspolitik gut und verstehe nicht, warum sich die Stimmung gegenüber Flüchtlingen in Deutschland verändert hat.“ Was der Ort über Deutschland denkt? „Die Bürger hier sind sehr interessiert, mehr über Deutschland zu erfahren.“

Für den Kontakt mit der lokalen Bevölkerung setzt die Bundeswehr sogenannte Interkulturelle Einsatzberater ein. Das können, müssen aber nicht zwangsläufig Mitglieder der Truppe sein. Sie sprechen die Landessprache, Arabisch, und unterstützen den Kontingentführer im Kontakt mit der lokalen Bevölkerung. In Afghanistan hat die Bundeswehr gute Erfahrungen mit den Beratern gemacht, auch in Al-Azraq soll das Konzept verfolgt werden. Fragen zum Einsatz der Berater möchte die Bundeswehr aus Sicherheitsgründen allerdings nicht beantworten.

Der vorerst einzige Ort, von dem es einen Blick in die Luftwaffenbasis gibt, ist die Lodge. Die Lodge eröffneten britische Militärs in den 1940-Jahren auf einem Hügel an der Basis. Von hier oben ist er gut zu sehen: Ein Airbus A400M der Luftwaffe, eines jener Transportflugzeuge, deren Auslieferung sich immer wieder verzögert hatte, steht auf dem Rollfeld.

Von Juli bis September habe die Luftwaffe die 16 Doppelzimmer der Lodge komplett gebucht, um den Umzug vorzubereiten, erzählt Lodge-Manager Mohammed Al-Quadi. „Sie sind morgens in die Basis runtergegangen und abends wiedergekommen.“ Im Wildlife-Shop der Lodge, die Öko-Holzpuzzles und Bio-Seife anbietet, hätten sie nichts gekauft.

Der Lodge-Betreiber, die Royal Society for Conservation, versucht Touristen anzulocken, mit Wildtieren, mit der Wüste und mit einer Oase – oder mit dem, was von ihr übrig ist. Die Jordanier haben Al-Azraq in den 1980er Jahren die Hauptattraktion abgepumpt, um Amman mit Wasser zu versorgen. „Es kommen leider nicht viele Touristen“, klagt Al-Quadi. Anfang Oktober ist eine Archäologengruppe zu Gast, dann sind die Zimmer wieder frei, Preis: 80 Dinar pro Nacht.

In einigen Monaten könnte der Lodge wieder ein gutes Geschäft winken. Ein Besuch deutscher Bundestagsabgeordneter in Jordanien steht noch aus. Er wird zeigen, ob Jordanien in dieser Hinsicht die Hoffnungen der deutschen Außenpolitik erfüllt.

Weil sich der Bundestag neu konstituiert, und damit auch der Verteidigungsausschuss, ist damit allerdings frühestens in einigen Monaten zu rechnen. Das Mandat für den Einsatz in Jordanien läuft Ende des Jahres aus, eine Verlängerung gilt als wahrscheinlich.

Vielleicht buchen die Abgeordneten dann eine Nacht in der Lodge, kaufen ein bei Baha Alawar, probieren Mansaf bei Hatem Alawar, und besuchen den Helmut-Kohl-Fan Iseed. Sie alle würden sich freuen.

Sebastian Beug arbeitet als freier Journalist in Berlin und absolviert die Journalistische Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er hat einen Bachelorabschluss in Volkswirtschaftslehre von der Humboldt-Universität zu Berlin.

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