Mehr Frauen in Blau, Mann!

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Es gibt Gewänder, die man im arabischen Raum eher an einer Frau vermuten würde. Doch an Khawla Sheiks Körper sitzt dieser Anzug wie angegossen. Schwarze Schnallen an den Trägern und ein stolzes Logo auf der Brust: ein Sonnenaufgang und ein paar Zangen. Die 55-Jährige hat es geschafft – sie ist Klempnerin und eine lokale Berühmtheit.

Die Frau im Blaumann ist eine der ersten Jordanierinnen, die es vor mehr als zehn Jahren in die Männerdomäne zog. Sheikh besuchte damals viele Hausfrauen, um sie über die Wasserknappheit im Land aufzuklären. Und dann fragte eine dieser Hausfrauen auf einmal, ob sie eigentlich auch ein Rohr reparieren könne, schließlich sei der Ehemann gerade nicht zu Hause. Aus dieser spontanen Begegnung wuchs eine Geschäftsidee: „In unseren Gemeinden dürfen männliche Fremde kein Haus betreten, wenn kein anderer Mann da ist. Das ist damals wie heute eine lukrative Nische für Frauen“, sagt Sheikh.

Auf diese Nische sind inzwischen auch deutsche Entwicklungshelfer aufmerksam geworden. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt aktuell an drei jordanischen Standorten die Ausbildung von Klempnerinnen, in Irbid, Mafraq und Gerasa. In einem Land, in dem bloß 15,6% der Frauen berufstätig sind, müssen innovative Ideen her, um die weibliche Beschäftigungsquote zu erhöhen.

Schützenhilfe aus Deutschland

Dabei sind zunächst einmal allgemeine Probleme des Ausbildungssystems zu lösen, sagt Salma Nims, Generalsekretärin der Frauenkommission. Die Ausbildung sei extrem veraltet, wodurch die Absolventinnen die neuen Standards nicht kennen würden. „Diese Frauen brauchen vernünftige Abschlüsse und soziale Starthilfe, um ihr Einkommen sichern zu können“, sagt Nims.

Seit 2014 versucht die GIZ diesen Missstand in Kooperation mit verschiedenen Berufsbildungsinstituten zu bekämpfen. Zwischen zwei Monaten und einem Jahr, je nach Vorerfahrung, werden Klempner ausgebildet. Jordanier ebenso wie syrische Flüchtlinge. Das Programm richtet sich sowohl an Frauen als auch an Männer, da Klempner dringend benötigt werden. Nach Angaben des Ministry of Water and Irrigation liegen die Wasserverluste im Land durch Lecks und Wasserdiebstahl offiziell bei 43%.

Die Voraussetzungen für das Training sind nicht hoch: Die Teilnehmer müssen bloß geringfügige Lese- und Rechenkenntnisse mitbringen. Die Analphabetenrate jordanischer Frauen liegt bei rund 14%, und es betrifft auch 4% der jordanischen Männer. Zu Beginn sei es schwierig gewesen, genügend Teilnehmer für das Projekt zu finden, sagt Dirk Winkler, Teamleiter der Abteilung „Capacity Development in the Wastewater Management“. Doch der Erfolg sprach sich schnell rum: Für jeden der 25 Plätze umfassenden Kurse erhält die GIZ inzwischen mehr als 100 Bewerbungen. So konnten seit Beginn des Programms bereits mehr als 600 Klempner ausgebildet werden, zur Hälfte Frauen und zur Hälfte Männer.

Besser als ein Mann

Eine von ihnen ist Feryal Jahran. Ihre Schulausbildung musste sie nach der 7. Klasse vorzeitig beenden. Bis sie 20 war, lebte sie bei ihrem strengen Vater, erst nach der Hochzeit zog sie aus. Doch auch bei ihrem Ehemann konnte sie sich nicht entfalten. Er habe ihr nicht erlaubt, sich weit vom Haus zu entfernen, geschweige denn, mit fremden Menschen zu sprechen. Es ist eine Geschichte, die so gar nicht zu Feryal Jahrans heutigem Erscheinungsbild passt.

Vor etwa drei Jahren nahm sie an der ersten Schulung der GIZ teil. Das gute, zusätzliche Gehalt überzeugte schließlich ihren Mann, der ebenfalls als Klempner tätig ist, ihr die Erlaubnis zu erteilen. Ein Wendepunkt in ihrem Leben. Es folgten viele Reisen, zum ersten Mal verließ sie ihren Ort, besuchte fremde Häuser, um dort Klempnerarbeiten zu verrichten. Dabei war es nicht immer leicht für sie. Die Gemeinschaft habe zunächst nicht akzeptiert, dass eine Frau diesen Beruf ausübt: „Das sei ein Männerberuf, haben viele gesagt, das könne ich nicht machen. Doch ich konnte die Menschen durch meine Arbeit überzeugen, dass ich genauso gut bin wie ein Mann“, sagt Jahran. „Manchmal sogar noch besser als ein Mann“, legt sie verschmitzt nach.

Ein guter Anfang, meint Salma Nims, deren Lebenslauf Master- und PhD-Abschlüsse vom University College London und verschiedene Tätigkeiten für UN-Organisationen schmücken. Dabei betont sie immer wieder, dass sie mit ihrer Karriere bloß Glück gehabt habe. Dieses „Glück“ möchte sie jeder Frau in Jordanien zukommen lassen. Sie freut sich, dass immer mehr Frauen die Stereotype im Land brechen und erwerbstätig werden – besonders im Klempnergeschäft. Denn Jordanien zählt zu den wasserärmsten Ländern der Welt. Gute Klempner werden dringend benötigt, um die marode Sanitär-Infrastruktur in den Griff zu bekommen.

Der lange Weg der Emanzipation

Es gebe noch viel zu tun, sagt Nims. Auch Frauen, die einen Arbeitsplatz hätten und wirtschaftlich aktiv seien, bleibe der Zugang zu Führungspositionen verwehrt: „Sie haben nicht die Möglichkeit, Entscheidungen, Gesetze oder Politik zu beeinflussen.“

Das neue Programm der GIZ mit dem sperrigen Titel „Technical and Vocational Education and Training for Jordanians and Syrian Refugees in the Water Sector“ setzt daher nicht nur auf die Ausbildung zum Klempner, sondern gibt den Teilnehmern auch Grundlagen in Sachen Geschäftsentwicklung mit an die Hand. Eine Maßnahme, die das Programm laut Dirk Winkler nachhaltiger gestalten soll: „Wir werden nun eine Beratung heranziehen, die die Teilnehmer darüber hinaus in Kurzeinheiten zu den Themen Geschäftsentwicklung, Buchhaltung und allen weiteren Feldern eines eigenen Betriebs schulen wird.“

Wie erfolgreich dieser Ansatz sein könnte, zeigt die Erfolgsgeschichte von Khawla Sheikh. 2015 gründete sie die Plumbing & Energy Coop Society in Amman, die ausschließlich Klempnerinnen anstellt. Seitdem beschäftigt sie bereits 19 Frauen aus verschiedenen Nationen und konnte sich in dieser männerdominierten Branche durchsetzen. Heute steht die gebürtige Kuwaiterin selbstbewusst in ihrer Villa in Darbouk, der Wohnsiedlung für die Schönen und Reichen Jordaniens. Sogar König Abdullah II. bin al-Hussein und seine Familie leben in unmittelbarer Nachbarschaft. Sheikhs Haus ist gepflastert mit Bildern, die ihr glückliches Leben zeigen: ihre Tochter, die in London „Human Resource Management“ studiert; Sheikh in jüngeren Jahren als Model für traditionelle Mode; ihr elf Jahre älterer Ehemann, ein erfolgreicher Elektrotechniker.

Sie sagt, er sei ihr Schlüssel zum Erfolg gewesen: „Ich hatte Glück, dass mein Mann mich immer unterstützt hat. Ohne ihn hätte ich nicht die Gelegenheit gehabt, heute hier zu sein.“ Es ist bezeichnend, dass sowohl sie, als auch Salma Nims und Feryal Jahran bei ihren Geschichten immerzu von „Glück“ sprechen. Glück, dass ihnen die Gesellschaft all dies ermöglicht hat. Glück, dass der Mann sie bei ihren Vorhaben unterstützt hat. Neben all den Förderprogrammen wird es wohl auch zu einem Umdenken in der jordanischen Gesellschaft kommen müssen. Damit Frauen wie Khawla Sheikh, Salma Nims und Feryal Jahran die Zukunft ihres Landes selber gestalten können – ohne auf Glück oder Männer angewiesen zu sein.

René Bucken ist Programmleiter des VOCER Innovation Medialabs und als freier Mitarbeiter für den WDR tätig. Seine Themen: Digitales, Innovation und internationale Politik. Bucken absolviert das berufsbegleitende Masterprogramm "Digital Journalism" an der Hamburg Media School. Gefördert wurde er durch Google und die Journalisten-Akademie. Twitter: @renebucken

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